Mutmacher und Entertainer

(nal). Jahreshauptversammlung kann so anders sein. Statt Rückblick, Kassenbericht, Vorstandswahlen und Ehrungen geht es auch anders, wird den Mitgliedern ein »Zuckerl« geboten, und aus der Kasse werden einmal mehr Spenden überreicht. Wo es das gibt? Beim Verein Space Party Crew against AIDS, der die bekannten Handball-Zwillingen Michael und Uli Roth zu einem Vortrag bei seiner Mitgliederversammlung in der »Krone« in Münchholzhausen begrüßen konnte.

Hinzu kam Musik vom Paul Simpson Project.

Wie Vorsitzender Torsten Weicker berichtete, hat der Verein auch in Corona-Zeiten Mitglieder hinzugewinnen können und zählt aktuell 334 Personen plus 19 Firmenmitglieder. Bis zum heutigen Tag konnten Spenden in einer Gesamthöhe 207 386,42 Euro übergeben werden. In dieser Summe enthalten sind jene zu Beginn der Mitgliederversammlung übergebenen Spenden in einer Gesamthöhe von 2600 Euro, mit denen u. a. die Sportstiftung Hessen sowie der Elternverein für leukämie- und krebskranke Kinder Gießen (1000 Euro) unterstützt werden.

Rückkehr an alte Wirkungsstätte

Im Mittelpunkt stand der Mutmacher-Vortrag »Erfolgreich leben« der Roth-Zwillinge. Und diese spielten sich, so wie einst gemeinsam auf dem Handball-Parkett, die Bälle gekonnt zu. Sie sprachen im Plauderton auch ernste Themen an und haderten bei ihrem Rückblick auf sechs Jahrzehnte auch nicht mit dem, was sie vielleicht anders gemacht hätten, wie etwa einen anderen Schulabschluss.

Für Michael Roth war der Auftritt in Münchholzhausen eine Rückkehr an alte Wirkungsstätte, trainierte er doch von 2009 bis 2010 die HSG Wetzlar und wohnte bei der »Krone« um die Ecke, auf Vermittlung von dem unter den Zuhörern weilenden Rainer Dotzauer, »bei Petra«. Im September 2020 hatten die Zwillinge ihr zweites Buch »Hurra, dass wir noch leben« mit dem Untertitel »Eine Mutmach-Story gegen den Prostatakrebs« auf den Markt gebracht, das auch die Grundlage des Vortrags bildete. »Ich habe mich sehr wohlgefühlt in Mittelhessen. Ich hasse Jahreshauptversammlungen«, räumte Michael Roth seine anfänglichen Bedenken ein, nach Münchholzhausen zurückzukehren, doch sei Weicker drangeblieben und »ich muss gestehen: Wir haben in den letzten 30 Jahren nicht so oft gelacht wie hier in zehn Minuten. Die Ernsthaftigkeit und ein toller Zweck, dazu kann man euch als Verein gratulieren und das finde ich beeindruckend. Mit unserem Vortrag wollen wie euch unterhalten und einen Einblick in ein erfolgreiches und schönes Leben geben. Ich bin noch in Bregenz Trainer. Ich weiß: Die können nur Ski fahren, und ich will denen Handball beibringen«, sagte Michael Roth und scherzte dann über seinen Bruder Uli: »Der hat 20 Jahre PUR gemanagt und so viel Geld verdient, der muss fast nichts mehr arbeiten«.

Die am 15. Februar 1962 als eineiige Zwillinge geborenen Brüder eint vieles – beide haben den Hauptschulabschluss. »Wir waren nicht dumm, aber faul. Eineiige Zwillinge, das ist etwas Besonderes. Das besonders Schöne ist, dass man immer zu zweit ist. Ein Leben lang die Frage: Wer bist du, der Uli oder der Michael? Die Leute haben uns halt verwechselt, und das konnten wir nicht verstehen. Bis zum 13. Lebensjahr wurden wir auch gleich angezogen und haben immer das gleiche Geschenk an Weihnachten erhalten. Wir waren in der Schule immer zusammen vorm Direktor – Generalverdacht, es waren immer beide. Jeder wollte Klassensprecher, jeder Kapitän sein – und jeder hat es geschafft.«

Ihre Handballkarriere starteten die Roths bei der SG Leutershausen, sie wurden deutscher Meister und zweimal Pokalsieger mit Großwallstadt, holten 1984 die olympische Silbermedaille in Los Angeles. Beide sind zum zweiten Mal verheiratet und – da durfte Uli dann lästern – holte doch sein Bruder nach 40 Jahren als Trainer nun mit Bregenz seinen ersten Handball-Titel als österreichischer Supercupsieger. »Wir haben eine tolle Zeit im Handball gehabt, bis zum 33. Lebensjahr gespielt. Das war unsere schönste Zeit, du kannst dein Hobby als Beruf leben.« Disziplin, Fleiß und Durchhaltevermögen zeichneten beide nach eigenen Angaben aus. »Wir hatten auch viel Glück im Leben, haben uns nicht verletzt und unsere schulischen Defizite wettgemacht. Dass wir kein Abi gemacht haben, das hat uns schon beschäftigt. Wir haben unsere Karriere über den Sport gemacht«, so Michael, auch wenn sich dann die Wege trennten. Uli managte von 1997 bis 2017 die Popgruppe PUR, Michael blieb als Trainer dem Handball verbunden.

Krebs-Diagnose eint 2009 Zwillinge

2009 einte eine Diagnose wieder beide: bei einem jährlichen Check-up wurde zunächst bei Michael und drei Monate später auch bei Uli Prostatakrebs diagnostiziert. Dank Vorsorge wurde der Krebs frühzeitig entdeckt und konnte bei beiden nervenschonend operiert werden. Beide gelten heute als krebsfrei. Sie machten ihre Erkrankung öffentlich und verfassten 2009 ein erstes Buch: »Unser Leben – unsere Krankheit«, auch in Münchholzhausen warben sie nicht nur für Vorsorge-Untersuchungen, sondern machten auch Mut: »Krebs ist heilbar. Man sollte sich nicht durchs Netz leiten lassen, sondern sich einen guten Arzt suchen«, lautete ihr Credo. Daraus haben beide auch Konsequenzen gezogen. »Unser Ergebnis nach dieser Diagnose ist, die Zeit als Faktor zu sehen. Organisiert eure Freizeit, geht mit Freunden und Familie aus, macht Sport, haltet euren Organismus in Gang. Zukunftsplanung ist wichtig. Und verabschiedet euch von Dingen, die euch belasten«, so Uli Roth.

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