3. Bericht Rabea Schömann 22.08.2011

Sechs-Monatsbericht

Mehr als ein halbes Jahr ist nun für mich in Indien vergangen, und je mehr ich mich hier heimatlich fuehle, umso mehr  sehne ich mich auch nach Hause. Das ist nicht paradox, sondern nur die Erschaffung zweier Parallelwelten, deren guten und schlechten Seiten ich schaetzen und akzeptieren lerne.

Nach den langen Schulferien im April und Mai startete Ananya mit einem neuen Projekt ins neue Schuljahr:  Das Thema ist “Umwelt”.

Die sechs verschiedenen Unterrichtsgruppen tragen die Namen: Jala (Wasser), Parisara (Umwelt), Urja (Energie),  Prithuvi (Boden, Tiere, Pflanzen), Khoj (Recherché) und Arogya (Gesundheit).

Fuer drei Monate unterrichten die Lehrer die jeweiligen Gruppen fast ausschliesslich zu ihren Themen und das hauptsaechlich in Projektform, so dass die Kinder selber aktiv werden muessen. Die Kinder lernen also theoretisch und praktisch, wobei sie versuchen, Gelerntes auf die Schule zu projezieren, um diese zu verbessern. Im Unterricht wurden z.B. auf dem Gelaende vorhandene Solarleuchten repariert, eine umweltfreundliche Toilette wurde errichtet und im Garten wurden Bohnen, Ingwer, Chilies, Tomaten und Rettich angebaut. Das Bewusstsein der Kinder fuer ihre Umwelt wurde so verstaerkt. Die Urja-Gruppe behaelt nun als Experten ihres Bereichs auch ausserhalb der Schulzeit Strom- und Wasserverbrauch im Auge.

Nach den ersten Wochen kamen unter den Lehrern Zweifel auf, ob Sprach- und Mathematikunterricht nicht zu kurz kommen. Bis dahin hatte  man versucht, dies zum entsprechenden Thema mit einfließen zu lassen. Nach dieser Diskussion entschlossen die Lehrer sich aber, extra Stunden fuer diese Faecher zu geben.

Ebenfalls neu in diesem Schuljahr ist, dass die Kinder in den Gruppen nun von Alter und Faehigkeiten her gemixt sind. Dies soll Diskriminierung entgegenwirken und soziale Faehigkeiten staerken. Das fordert viel extra Arbeit von den Lehrern.

Ich glaube, ich genieße diesen Ort hier so, weil Arbeit nicht wirklich als Arbeit angesehen wird. Alles, was hier gemacht wird, entspringt einem hoeheren Ideal, und die Lehrer kommen zu diesem Ort mit Freude und  ohne Stress.

Auch wenn die Arbeit an sich nicht so viel ist, ist es viel, wenn man den ganzen Tag arbeitet. Ich bin froh darueber, dieses Problem geloest zu haben. Es gibt nun die Absprache, sobald die Lehrer das Ananya-Gelaende betreten, habe ich solange frei, bis sie es wieder verlassen. Das ist in der Regel zwischen 10 -15 Uhr.

Demnach verbringe ich einen Großteil meiner Arbeitszeit nicht mit den Lehrern, sondern mit den anderen Freiwilligen.

Das derzeitige Freiwilligenteam besteht aus fuenf Koepfen. Unser gemeinsames kreatives Erarbeiten von Nachmittagsprojekten macht mir großen Spaß. Unser momentanes Projekt ist ein Theaterstück zu dem Buch “Alice in Wunderland”.  Wir bieten den Kindern vier verschiedene Workshops im Zusammenhang mit dem Stueck an: Musik und Specialeffekte, Buehnenbild, darstellendes Spiel und Kostuemdesign. Kostuemdesign ist mein Verantwortungsbereich.

Die Kids sind also in vier Gruppen eingeteilt. Spielt eine Gruppe in einer Szene Theaeter, wird sie sich in der naechsten mit den Kostuemen beschaeftigen und so weiter. Das bedeutet, die Rollen der Kinder sind nicht fix sondern wechseln waehrend des Spieles. Außerdem kann jedes Kind in jeden Bereich hinein schnuppern.

Nach langer Vorbereitungsphase haben wir vor zwei Wochen mit der ersten Szene gestartet und auch gleich schon festgestellt, dass wir mit unserer zeitlichen Berechnung nicht hinkommen werden. Ziel war es, das Endprodukt am Elternabend des 23.Sep.2011 aufzufuehren. Wir sind flexibel, lassen uns nicht stressen, so wird aus dem Stueck nun ein Zweiteiler!

Geplant ist es auch noch, einen Tanzworkshop anzubieten. Ich kann mir gut vorstellen, ein paar Taenze mit den Kindern zu erarbeiten. Dass es diese in der ersten Szene noch nicht gibt, liegt zu einem am Mangel von Freiwilligen, zum anderen gibt es unser Drehbuch nicht her.

Um auf meinen letzten Bericht zurueck zu kommen: Dort habe ich erwaehnt, ich wuerde gerne mit den Kids naehen. Das ist in der Zwischenzeit passiert. Hier ein Paar Bilder zum „Monster-Naehen“:

So viel zum Thema Arbeit. Jetzt kommt das Privatleben:

Waehrend meiner Sommerreise durch Suedindien hat sich zwischen der Freiwilligen Dominique und mir eine enge Freundschaft entwickelt, sodass wir auch danach an vielen Wochenenden gemeinsam Zeit verbracht haben. Ich hatte die Gelegenheit, ihre Gastfamilie naeher kennenzulernen und heute zaehlen die Mitglieder der Familie zu meinen indischen Freunden. Sie sind mir wirklich sehr ans Herz gewachsen. Obwohl Dominique mittlerweile wieder zurueck in der Schweiz ist, gehe ich ihre Gastfamilie noch ab und an besuchen. An meinem Geburtstag hat mich Prem, der Gastvater, mit einem selbstgebackenen Kuchen ueberrascht – das war ein ruehrender Moment fuer mich.

Genossen habe ich auch sehr die gemeinsamen Familienausfluege und Besuche bei Verwandten auf dem Dorf. Es war eine einmalige Chance, fuer eine gewisse Zeit in das Leben auf dem Land hineinzuschauen. So war ich in Mariamphete, einem christlichen Dorf mit etwa 20 Haeusern, und in Gugunte, wo ich eine christliche Hochzeit miterleben durfte, die ueber drei Tage ging.

Nicht nur positives ist zu berichten:

Letzte Woche hat mich meine erste schlimme Mageninfektion erwischt – nach sieben Monaten Aufenthalt in Indien. Ich war so sehr geschwaecht, dass ich beschloss, das Ananyagelaende zu verlassen, um mich im Krankenhaus zu erholen. Das ist etwa 2 km von der Schule entfernt und wird von den „Schwestern von Nazareth“ gefuehrt. Am zweiten Tag, nach einer Menge Infusionen, habe ich begonnen, mich in meinem Krankenzimmer wohlzufuehlen. Es war ein Einzelzimmer mit Bad und einem Fensterblick auf Mangobaeume.  Drei große Unterschiede zu deutschen Krankenhaeusern sind mir aufgefallen: 1. Das Krankenhaus fuehrt keine Operationen durch. Wirklich schlimme Faelle werden an ein Stadtkrankenhaus verwiesen. 2. Das Krankenhaus stellt kein Essen bereit. Dadurch war ich ziemlich abhaengig von der Außenwelt und darauf angewiesen, das mir Suman, die in der Schule eh schon eine Menge um die Ohren hat, magenschonende Kost zubereitete und mir diese durch einen Boten zukommen ließ und das dreimal am Tag. 3. Nachts ist vom Personal keiner da. Da ich in meiner letzten Nacht der einzige Patient war, habe ich auch ganz alleine in diesem Krankenhaus mit verriegelter Zimmertuer schlafen muessen.

Nach drei Tagen Aufenthalt an diesem Ort hatte ich aber auch genug. Ich nehme jetzt zwar noch Tabletten, aber danach sollte ich wieder quick lebendig und fuer den Alltag gewappnet sein.

Und dieser verlaeuft selten ohne Probleme. Besonders Kommunikationsprobleme haben es in sich und werden mir in Zukunft hier des oefteren begegnen. Meiner Meinung nach werden sie dadurch ausgeloest, dass ich, als aus dem Westen Stammende, es gewohnt bin, Kritik direkt zu aeußern und dementsprechend auch damit rechne, dass mir jemand sagt, wenn ihm etwas nicht passt. Dies ist hier allerdings nicht der Fall. Vieles passiert hier auf indirekter Ebene. Was fuer mich einiges erschwert.

Doch bin ich weiterhin noch unheimlich fasziniert von diesem Land, das immer fuer Ueberraschungen gut ist. Ich freue mich darauf, in meinen Ferien im September etwas von den Norden Indiens sehen zu koennen. Wenn wir die Fluege noch bekommen, werde ich mit Freunden 5 Tage im Himalaya wandern gehen und eine Kamelsafari in Rajasthan machen.

Alles Liebe

Rabea

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