2. Bericht Rabea Schömann 22.04.2011

Drei-Monatsbericht

Vor meiner Reise nach Indien versuchte ich mich so gut wie möglich auf mein Gastland vorzubereiten. Ich verschlang ein paar Bücher über Daten und Fakten von Indien und las über Erfahrungen anderer Ausländer, die Indien besucht hatten. Ich stellte fest, dass ich so einiges über das Land lesen und auf Bildern sehen konnte, ich aber trotzdem nicht mehr darüber wusste, wie Indien wirklich ist. Einer der Autoren ( dessen Name ich leider vergessen habe ) beschrieb Indien als einen „Thali“: So unterschiedlich seine einzelnen Bestandteile auch seien, zusammen ergäben sie ein vollständiges, köstliches Gericht. Soweit, so gut. Indien scheint groß und vielfältig zu sein, so dass ich mich auf gar nichts direkt vorbereiten konnte, und ich mich dazu entschlossen hatte, alle Bücher beiseite zu legen und meine Erwartungen, so gut es geht, zu reduzieren, es einfach auf mich zukommen zu lassen und offen zu sein für das, was auch immer mich erwarten mag…

Nach einem Zwischenstopp in Oman bin ich am 11.01.2011 gut in Bangalore gelandet. Bangalore liegt im Staat Karnataka und ist ziemlich zentral in Südindien angesiedelt.

Zunächst wurden wir Freiwilligen in einem einwöchigen Vorbereitungscamp auf unseren Einsatz in Indien vorbereitet. Es war ein toller Auftakt, der die Spannung, was mich in meiner Einsatzstelle erwarten wird, noch vergrößert hat.

Außerhalb der Haupteinkaufsstraßen Bangalores südöstlich der Stadt, nach etwa 45 Minuten Busfahrt und einer halben Stunde Fußmarsch auf einer  ländlichen Straße, auf der man Wege mit Menschen, Hunden und Kühen kreuzt, befindet sich die Schule ANANYA TRUST. Mein neues Zuhause. Meine neue Arbeit.

ANANYA bedeutet soviel wie „einzigartig“. Dieser Begriff ist schon sorgfältig ausgewählt worden, als man sich einen Namen für die Schule überlegt hatte. Man möchte sich abgrenzen von den staatlichen Schulen und nicht strikt nach Lehrbuch vorgehen. So werden die Kinder auch nicht nach ihrem Alter in Klassen gesteckt, sondern es werden Gruppen von Kindern mit ähnlichen Fähigkeiten gebildet. Eine Gruppe besteht aus ca. 8 Schülern. Insgesamt haben letztes Schuljahr 55 Kinder Ananya besucht.

Angefangen hat das Projekt vor 13 Jahren mit Straßenkindern und Kindern aus den Slums. Heute gehen die Lehrer nicht mehr auf die Straße, um nach lernwilligen Kindern zu suchen. Heute passiert einiges durch Mundpropaganda. Leute erfahren durch Geschwister oder Bekannte von der Schule und wollen dann auch ihre Kinder hier herschicken. Die Kinder stammen hauptsächlich aus Familien, die aus Dörfern in die Großstadt gezogen sind, da sie sich hier ein besseres Leben erhoffen.

Als ich erfuhr, dass ich nicht in einer Gastfamilie werde leben können, war ich anfänglich enttäuscht. Jetzt bin ich wahnsinnig froh, dass es so ist, wie es ist.

Ich erinnere mich, wie es war, als ich vor drei Monaten im Dunklen das Gelände Ananyas betrat und ich nur Schatten und Umrisse der Häuser und Kokosnusspalmen sehen konnte. Man stellte mir das indische Ehepaar George und Suman vor, die als LehrerIn in der Schule angestellt sind  und gemeinsam mit ihrem Sohn Nithin hier auf dem Gelände einen Raum eines Steinhauses mit Wellblechdach bewohnen. Sie begrüßten Moritz (ebenfalls Freiwilliger aus Deutschland) und mich zurückhaltend aber herzlich.

In den letzten Monaten hat sich eine gewisse familiäre Beziehung zwischen uns aufgebaut. Ich genieße es, am Wochenende, wenn die Schulkinder bei ihren Familien sind, mit Suman und George zu kochen und dabei Essgewohnheiten zweier verschiedener Kulturen auszutauschen. Meine gekochten Nudeln mit Tomatensoße scheint den Zweien ganz gut zu schmecken. Nachdem sie diese gegessen haben, bevorzugen sie aber doch noch einen Teller Reis mit Samba.

Es ist nicht ganz leicht, meine ersten Eindrücke zu beschreiben. Ich habe das Gefühl, in den letzten drei Monaten ist schon so viel passiert und ich habe inzwischen mehrere Prozesse durchlebt.

Beim durchblättern meines Tagebuches realisiere ich, dass ich mich in den ersten zwei Wochen in meiner Haut nicht besonders wohl gefühlt habe. Zuviel war neu, von den Stehtoiletten, dem Essen mit den Fingern, den über 60 neuen Namen, die für mich, als aus Deutschlandstammende, einfach zu lang und ungewohnt klangen, kein eigenes Zimmer und damit für meinen Geschmack zu wenig Ruhe. Vor allem spukten in meinen Kopf jegliche Verhaltensregeln herum, die ich doch noch zuvor in Deutschland aufgeschnappt hatte. Ich bin froh darüber, es inzwischen abgelegt zu haben, mir in jeder Situation Gedanken zu machen, ob ich nun „richtig“, also höflich und meinem Alter, Geschlecht, etc. entsprechend handele. All das Zweifeln hat mich teilweise daran gehindert, so zu sein, wie ich nun mal bin.

Nach drei Wochen träumte ich das erste Mal von Familie und Freunden, so dass mir klar wurde, dass dies der Zeitpunkt war, in dem ich den Abschied von Zuhause verarbeitete.

Um in den Arbeitsalltag in Ananya hineinzufinden, hat es, glaube ich, die letzten zwei, drei Monate gedauert. Einen Alltag, der ständig für Überraschungen gut ist, zu beschreiben, fällt nicht gerade leicht. So passierte es, dass wir schon drei Mal einen Brand löschen mussten, wenn wir gerade ziemlich wasserknapp waren, das Wasser öfter nicht mehr läuft, wenn ich eingeseift unter der Dusche stehe oder es dringend auf der Toilette zum Spülen bräuchte. Nicht selten sind Kinder krank oder verletzt, so dass Arztgänge hier fast auf der Tagesordnung stehen. Trotz all dieser Unvorhersehbarkeiten versuche ich euch einen groben Umriss von einem meiner Tage hier in Ananya zu geben:

Mein Wecker klingelt meist um 6 Uhr morgens und ich begebe mich aus meinem, durch eine Holzwand abgetrennten Raum in den Mädchenschlafraum und beginne Pallavi zu wecken, die Gleiches mit den restlichen Mädels macht. Nach dem Zähneputzen und Tee trinken (eine äußerst ungesunde Kombination) gehen wir alle (Kinder, Freiwillige und George) an die Arbeit, um unser schönes und naturfreundliches Gelände bei dem zu erhalten, was es ist. Der Boden wird gefegt, der Badbereich geputzt, es wird gekocht und vieles mehr. Ich bringe mich ein, wo gerade Not am Mann ist. Um 7 Uhr steht viermal in der Woche Laufen auf dem Programm.  Danach gibt es Zeit für die Kids, mit oder ohne Hilfe ihre Kleider mit der Hand zu waschen  und sich frisch und schön für den Tag zu machen, um danach zum Frühstück zugehen. Um 9.45 Uhr beginnt unser „Circle up“.

Alle Kinder versammeln sich im Kreis. Hier gibt es jeden Morgen unterschiedlicheProgrammpunkte, von Zeitung lesen, Spielen, Quiz, Aerobic und Meditation ist alles dabei. Gewöhnlicherweise erscheinen zu dieser Zeit drei von vier LehrerInnen, die kommen sollten und der Unterricht beginnt in seinen offenen, zeltartigen Klassenräumen.

Sind alle LehrerInnen da, habe ich frei und kann entspannen, lesen, waschen oder wozu auch immer ich gerade Lust habe. Fehlt einer der LehrerInnen, springe ich ein und unterrichte über Deutschland, ein bisschen Englisch, Jongliere mit den Kids oder bastele mit ihnen. Ich bin froh darüber, dass die LehrerInnen mir viel Freiraum lassen, was ich mit den Kindern machen  kann.

Um 13 Uhr gibt es Mittagessen: meistens Reis, Samba, eine Art Gemüsesoße und Chapati, ein aus Weizenmehl und Wasser bestehendes rundes, flaches Brot, dass ich sehr mag.

Zwei weitere Unterrichtsstunden folgen nach dem Mittagessen, dann haben die Kinder freie Zeit zum Spielen und Schlafen.

Um 16 Uhr beginnt die Zeit in der ich die Kinder beschäftigen soll. Im letzten Schuljahr habe ich oft mit ihnen Spiele gespielt: Fußball, Volleyball und Fangen mit den Kleinen. Nächstes Schuljahr habe ich ein „Recycle“ Workshop geplant, indem wir alte Kleider zu Taschen oder kleinen Puppen verarbeiten wollen. (Da ich selber keine Nähexpertin bin, möchte ich die Sommerferien neben einer geplanten Urlaubsreise auch dazu nutzen, meine Fertigkeiten im Nähen zu verbessern.)

Diese Tagesphase wird mit einem Tee (Chai) abgeschlossen und um 17:30 Uhr beginnt zum zweiten Mal am Tag die Gemeinschaftsarbeit, unseren Platz sauber und ordentlich zu halten. Gegen 19 Uhr wird es dunkel und die Kids verziehen sich in ihre Räume oder Klassenzimmer um Hausaufgaben zu machen. Gewöhnlicherweise helfe ich ihnen hierbei. Nach den Sommerferien gibt es ein spezial Programm für die jüngsten Kinder, in dem wir gemeinsam Geschichten lesen, basteln, spielen oder singen, bis es schließlich um 20 Uhr Abendessen gibt.

Nach Toilette gehen, Zähnputzen und Gesichtwaschen geht es ins Bett. Um 21 Uhr sollte das Licht aus sein.

Ich habe die LehrerInnen von Anfang an als offene, freundliche und moderne Menschen empfunden, jedoch hatte ich zu Beginn das Gefühl, dass sie Erwartungen an mich haben, die ich nicht erfüllen kann. Oftmals kamen sie mit Beispielen ehemaliger Freiwilliger, was diese hier geleistet haben. Was mich eher eingeschüchtert, als motiviert hat, da ich selber keine Berufsausbildung besitze. Das Gefühl nicht gut genug und hilfreich zu sein, machte sich in mir breit und darüber hinaus fühlte ich eine Unzufriedenheit der LehrerInnen, die diese aber nie aussprachen. Ich erinnerte mich daran, dass man uns im Vorbereitungscamp vermittelt hatte, es sei die indische Mentalität, nicht zu kritisieren.

Am Anfang meines Aufenthaltes waren wir 5 Freiwillige, die alle zur gleichen Zeit in Ananya ankamen. Ein Ehepaar aus Dänemark (um die 60 Jahre), Anni aus Dänemark (22 Jahre), Moritz (19 Jahre) und ich. Ungewollt bildeten sich in dieser Zeit zwei Gruppen. Die Gruppe der Inder und die Gruppe der Freiwilligen. Für uns Freiwillige war es angenehm, unsere ähnlichen Erfahrungen und Gefühle über die neuen Umstände zu teilen. Meiner Ansicht nach grenzten wir uns dadurch ziemlich aus und verlangsamten unseren Eingewöhnungsprozess.

Besonders nach einem Lehrercamp im April haben wir uns alle als Lehrer-Freiwilligen-Team näher kennen gelernt. Feedback und Erwartungen wurden ausgetauscht, was unheimlich gut getan hat.

Mittlerweile fühle ich mich als ein Teil des Teams, indem ich wirken kann. Die Arbeit mit den Kindern macht mir großen Spaß und es ist toll zu sehen, wie die Beziehungen zu den einzelnen Kindern wachsen.

Mein Vorbereitungscamp in Deutschland hatte mich bereits für den Nord-Süd Kontext sensibilisiert. Auch wenn ich wusste, dass es ein unglaubliches Privileg für mich ist, die Erfahrung machen zu dürfen, in ein in Entwicklung begriffenes Land wie Indien zu reisen, wird es mir hier immer deutlicher, was dies tatsächlich bedeutet. Im Gegenzug können nur wenige Inder an einem Projekt wie diesem teilnehmen. Dies scheitert daran, dass sie nicht genug Geld aufbringen können, weniger gefördert werden und z.B. in Deutschland nur wenige Familien bereit sind, einen ausländischen Freiwilligen bei sich aufzunehmen. Sollten nicht alle Menschen die gleichen Chancen haben? Oder ist es für Menschen, die aus so genannten Entwicklungsländern kommen gar nicht gut, die Luft eines anderen Landes zu schnuppern und danach wieder zurück zu müssen. Könnten sie dann nicht enttäuscht und unzufrieden mit ihrem Leben sein? Aber schon alleine die Tatsache, dass ich als Deutsche, Weiße überlege, was möglicher Weise das Richtige für einen solchen Menschen ist und damit seine freie Entscheidung in Frage stelle, gibt mir zu denken.

Auf jeden Fall bin ich sehr dankbar für meine Sponsoren, meine Familie und Freunde, die mir dieses Jahr meines Lebens ermöglichen!

Mit Vorfreude schaue ich auf meine geplante Urlaubsreise, die in einer Woche beginnen wird. Gemeinsam mit Dominique, einer Freiwilligen aus der Schweiz, möchte ich in den Sommerferien ANANYA TRUST für drei Wochen verlassen und auf Südindien-Erkundungstour gehen.

Liebe Grüße

Rabea

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