Dieter Baumann verpackt seine Karriere in ein Bühnenprogramm

Ex-Olympiasieger Dieter Baumann setzte sich stets gegen Doping ein, bis er sich selbst mit Vorwürfen konfrontiert sah. Davon berichtet der Läufer nun auf der Bühne in Münchholzhausen.

Auf Einladung der „Space Party Crew“ läuft der Ex Olympiasieger Dieter Baumann „weil singen kann er nicht“.

Läufer und Neu-Kabarettist Dieter Baumann geht mit seiner Karriere und den Dopingvorwürfen in seinem Bühnenprogramm offen um. Foto: PeB

Wetzlar-Münchholzhausen. Kaum hat der Abend begonnen, ist er auch schon voll in seinem Element. Den Körper leicht nach vorne gebeugt, die Augen weit aufgerissen, mit den Zuschauern, dieses Mal nur 100, früher zehntausende, kommunizierend. „Wer läuft von euch? Marathon? Ultramarathon? Oder gibt es hier nur Ab-und-zu-in-irgendeinem-Frühjahr-Läufer?“ Dieter Baumann hat schnell die Lacher auf seiner Seite. Und bezieht seine Fans mit ein wie früher auf der Stadionrunde. Als ihn Hasen, also Tempomacher, zu Rekorden zogen. Heute ist er sein eigener Hase. Und gibt das Tempo für zwei Stunden selbst vor. „Dieter Baumann läuft halt, weil singen kann er nicht“, heißt sein Bühnenprogramm, das er im Bürgerhaus des Wetzlarer Stadtteils Münchholzhausen auf Einladung der „Space Party Crew against Aids“ routiniert, aber durchaus kurzweilig abspult. Wie einst seine 5000 Meter, auf denen er in den Neunzigern quasi über seinen Sport hinauswuchs.

Die Journaille nannte den Schwaben den „weißen Kenianer“. Die 5000 Meter lief kein Mensch je schneller, der nicht afrikanischer Abstammung war. Baumann war 40 Mal Deutscher Meister, er holte die Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul 1988 über diese Strecke, da war er gerade 23. Vier Jahre später triumphierte er in Barcelona, Gold dank eines beeindruckenden Schlusssprints und 11,7 Sekunden auf den letzten 100 Metern.

Doch auch in Zivil war er ein Tempoläufer. Immer gegen den Wind, manchmal auch gegen die Wand. Er hatte eine feste Meinung, die an den Rändern der Tartanbahn nie endete. Der Tübinger sah das DDR-Staatsdopingsystem nie gänzlich aufgearbeitet, er kritisierte Trainer und Funktionäre derb. Er wurde von Ex-Innenminister Otto Schily zu Dopingfragen konsultiert und plante eine Karriere als Sportfunktionär. „Gerne wäre ich Bundestrainer, Leistungssport-Koordinator oder sogar DLV-Präsident geworden.“ Baumann war der Inbegriff des sauberen Athleten: ehrlich, gerade heraus, manchmal etwas nervig. Der Anti-Doper – oder: das perfekte Opfer. So würde er das heute sagen. 1999 wurde er positiv auf Nandrolon getestet, in einer verschwindend geringen Dosierung, aber immerhin: gedopt. Baumann fightet aber und erfährt: Die Zahnpasta war schuld, auch seine Frau Isabelle war gedopt. Experten wie der Dopingforscher Werner Franke sprechen damals von „Stasi-Methoden“ und glauben an seine Unschuld. Trotz aller Beteuerungen: Seine große Karriere ist urplötzlich auf die Zielgerade eingebogen. Fortan sprintet Baumann etwas schwerfälliger als weiland in Barcelona. An diesem Abend in der Provinz, sperrige Bühne vor türkisfarbenen Vorhängen, steht Dieter Baumann fast durchgängig auf dem Laufband. Es geht um seinen ersten Ultramarathon, den er erzählerisch noch einmal Revue passieren lässt. An der Seite von „Gelbsocke“ und „Tiefstapler“. Einen „Wahnsinn“ nennt er eine solche Tortour, weil Qualen nicht das bevorzugte Ziel eines Menschen sind. Irgendwann spielt er per Fernbedienung in seiner Hosentasche eine Tonaufnahme ein. Der Nachrichtensprecher redet von manipulierter Zahnpasta und davon, dass Baumann dennoch von den Olympischen Spielen in Sydney 2000 abreisen müsse – keine Starterlaubnis. Baumann spielt den niedergeschlagenen Läufer. Er zeigt, wie er das Puzzle seines Lebens wieder neu zusammensetzen musste. Und wie es dann doch alles gut wurde, sobald sich alles sortiert hatte. Ja, er wollte groß rauskommen, als Funktionär aufklären und gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt kämpfen. Und er wollte auch noch weiter laufen. Am liebsten einen Marathon bei den Sommerspielen 2004 in Athen. Und ja, er glaubte auch an den sauberen Sport. Und heute? „Mache ich Unterhaltung, halt Kabarett.“ Über die schon oft erzählte und von den Medien genüsslich ausgeschlachtete Geschichte vom 42,195-Kilometer-Lauf, seine vorzeitige Aufgabe beim Hamburg-Marathon 2002, lässt er sich in seinem Programm genüsslich aus. Im Publikum sitzen einige Läufer („Thorsten …“), die er einbindet, für die Baumann eine Art Guru ist. Und von denen die bekannt schrägen Eigenheiten des Läufertyps ordentlich belacht werden. Der heute 55-Jährige sieht sich inzwischen als eine Art Künstler, auch wenn er täglich läuft. Er schreibt Bücher, Bühnenstücke und Kolumnen. Und er lebt davon, dass er auf dem Laufband tanzt. Zur Not auch zu Klängen von Fred Astaire. Zwischendurch setzt er sich ans Keyboard und singt vom Dilemma, nichts mit einer Olympiamedaille anfangen zu können. Obwohl er eigentlich nicht singen kann … Dass die Zugabe recht kurz ausfällt, passt zu Dieter Baumann. „Nach dem Zielstrich ist eigentlich alles zu Ende.“ Für den Besten, den wir je über 5000 Meter hatten, wohl noch immer nicht so ganz …

Von Alexander Fischer

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