Emotionaler Abend: Matthias Steiner berichtet über seinen Weg zum Olympiasieg
Erstellt von Toni
Von: Thomas Wißner
Vor 17 Jahren wurde Matthias Steiner Olympiasieger im Gewichtheben. Viele haben die Bilder von damals noch vor Augen. Nun war er zu Gast bei der Space Party Crew in Münchholzhausen.

Tonis ehrliche Selbstoffenbarung, Steiners bewegende Lebensgeschichte und Itts Rückblick auf eine Kindheit voller Brüche – es waren drei emotionale Momente, die den Vortragsabend der Space Party Crew against AIDS im mit 240 Besuchern ausverkauften Bürgerhaus Münchholzhausen prägten.
Es war wohl der bisher emotionalste Vortragsabend. Denn auch wenn die Bühne dem Olympiasieger im Gewichtheben von 2008, Matthias Steiner, gehörte, waren es auch die ehrlichen Worte des Space-Party-Vorsitzenden Torsten „Toni“ Weicker und des ehemaligen 400-Meter-Läufers Edgar Itt, die an diesem Abend die Zuschauer berührten.
Space Party Crew: Abend in Münchholzhausen beginnt mit emotionaler Offenbarung
Weicker eröffnete den Abend mit ungewöhnlich offenen und bewegenden Worten. Nach 35 Jahren an der Spitze der Space Party Crew against AIDS gestand er, dass seine Kräfte schwinden und er vieles nicht mehr allein schultern könne. „Der Toni ist nicht mehr so fit, wie er mal war“, sagte er leise, aber bestimmt. Er bat jene, die es können, ihn zu unterstützen – ein menschliches Bekenntnis zur Realität. Das Publikum dankte ihm dafür mit langem Beifall.
Einfühlsam nahm die Schirmherrin des Abends, Dressur-Olympiasiegerin Ann Kathrin Linsenhoff dieses Eingeständnis auf. Sie sagte, dass sie großen Respekt vor Weickers Offenheit habe. Sie erinnerte daran, dass niemand alles alleine schaffen könne und dass es Mut brauche, dies öffentlich auszusprechen. „Wir sind hier wie in einem Wohnzimmer“, sagte sie, „und sie müssen ihn unterstützen.“ Man spüre an diesem Abend eine Kraft, die vor 35 Jahren entstanden sei. Teamgeist, Respekt, gegenseitige Hilfe.
Auch Matthias Steiner reagierte sichtlich bewegt auf Weickers Worte. Dessen Offenheit sei ein Beispiel für genau jene Art von Mut, die auch er in seinem eigenen Leben immer wieder habe aufbringen müssen. „Ehrlichkeit zu sich selbst ist der erste Schritt, um Veränderungen zuzulassen“, erklärte Steiner. Er leitete nahtlos zu seinem Vortrag über, in dem es ebenfalls um Rückschläge, Wiederaufstehen und einen Weg voller Hindernisse ging.
Matthias Steiner berichtet von schwierigem Weg zum Olympiasieger
Steiner sprach über seinen Weg an die Spitze. Bereits als junger Mann erhielt er die Diagnose Diabetes Typ 1, eine Autoimmunerkrankung, die vieles infrage stellte. Steiner lernte, seinen Alltag zwischen Insulin, Ernährung und Hochleistungstraining auszubalancieren.
Ein einschneidendes Kapitel seines Lebens war der Tod seiner ersten Frau Susann im Jahr 2007. Der Schmerz darüber, nur ein Jahr vor den Olympischen Spielen zum Witwer geworden zu sein, brach ihm beinahe das Rückgrat – doch er hielt an dem Versprechen fest, das er ihr gegeben hatte: eines Tages Olympiasieger zu werden.
In dieser Zeit verlor er zehn Kilogramm in einer Woche, haderte mit sich selbst und suchte nach dem Sinn. Er fand ihn im Weitermachen. Wenige Monate später nahm sein sportlicher Weg wieder Fahrt auf: Am 2. Januar 2008 wurde der gebürtige Österreicher Steiner deutscher Staatsbürger. Er gewann das vorolympische Turnier, wurde im April Europameister und stieß im Juli eine Viertel-Tonne – Weltjahresbestleistung.
Als er am 19. August 2008 in Peking um Gold kämpfte, stand nicht nur ein Sportler auf der Bühne, sondern ein Mensch, der alles erlebt hatte: Verlust, Zweifel, Rückschläge und die unbedingte Entschlossenheit, seinem Leben eine neue Richtung zu geben. Nach 203 Kilogramm im Reißen, war sein erster Stoßversuch (246 kg) ungültig. Im zweiten hievte er 248 und im dritten schließlich 258 Kilogramm in die Höhe – acht Kilogramm über seiner Bestleistung – und wurde Olympiasieger im Superschwergewicht.
So ging es für Steiner nach seiner Sportkarriere weiter
Als der Beifall im Saal in Münchholzhausen erneut aufbrandete und die ikonische Szene mit dem Kommentar „Heb’ es hoch“ eingespielt wurde, stockte vielen der Atem. Steiner erzählte weiter, wie er trotz aller sportlicher Erfolge mit Erschöpfung kämpfte, mit einem Körper, der von jahrelangem Hochleistungssport gezeichnet war, und wie sein späterer Leistenbruch – humorvoll angekündigt von Arnold Schwarzenegger – ihn schließlich zum Umdenken brachte.
Doch auch nach seiner aktiven Karriere machte er weiter: Er schrieb Bücher, tanzte sich bei „Let’s Dance“ vom Nichttänzer zum Finalisten, stellte sich der „Höhle der Löwen“ und gründete sein eigenes Ernährungskonzept. Mut zur Veränderung, sagte er, sei nie sein Ding gewesen – und doch sei er immer dann gewachsen, wenn er Risiken eingegangen sei. Für den Olympiasieger zählt vor allem eines: Ehrlichkeit zu sich selbst. „Viele scheitern, weil sie nicht ehrlich sind – nicht zu anderen, sondern zu sich selbst.“ Wachstum sei nur möglich, wenn man die eigenen Motive erkenne. Jeder müsse sein eigenes Samenkorn finden, das wirklich in ihm Wurzeln schlage.
Olympia-Bronzemedaillen-Gewinner Edgar Itt berichtet von düsterer Kindheit
Das Publikum dankte mit stehenden Ovationen. Beim anschließenden Plausch zwischen Linsenhoff, Steiner und Itt mit Sport-Moderatorin Janine Hilpmann ging Itt noch einmal ausführlicher auf seine eigene Geschichte ein. Itt ist ehemaliger 400-Meter- und 400-Meter-Hürden-Sprinter. 1988 gewann er bei den Olympischen Spielen in Seoul Bronze mit der 4 x 400-Meter-Staffel.
Er verbrachte seine Kindheit in Gedern unter einer Härte und Komplexität, die kaum vorstellbar ist. Sein leiblicher Vater, ein GI, kam im Vietnamkrieg ums Leben. Seine Mutter war fremdgegangen und als Säugling wurde Itt ins Heim gegeben, nicht zuletzt wegen der Worte seines damaligen Stiefvaters, der einst SS-Mann gewesen war und zu seiner Frau gesagt hatte: „Ist es weiß, bleibt es hier. Ist es schwarz, fliegt es raus.“
Doch seine Mutter holte ihn zurück – und dieser Mann, der ihn einst ablehnte, machte ihn später zu seinem Lieblingskind von insgesamt vier Kindern. „Mir soll keiner sagen, ein Mensch kann sich nicht ändern“, sagte Itt eindringlich. Als er viereinhalb Jahre alt war, starb der Stiefvater plötzlich.
Mit der Übergabe von sechs Spendenschecks über 5585 Euro, darunter 2500 Euro für die Peak Performer Stiftung, 1000 Euro für die Sportstiftung Hessen sowie 585 Euro für Plant for the Planet, endete der Abend. Die Gesamtspendensumme stieg so auf 258 125,42 Euro in 25 Jahren an.

